Am 15. August, zu Mariä Himmelfahrt, beginnt eine alte, heute fast vergessene Zeit im Kräuterjahr: der Frauendreißiger.
Traditionell gelten die Wochen von Mitte August bis Mitte September als besondere Zeit zum Sammeln von Heilkräutern. Im Volksglauben wurde den Pflanzen während dieser Wochen sogar eine dreifache Kraft zugeschrieben.
Doch warum gerade jetzt? Was hat Maria damit zu tun? Und warum begegnen uns dabei immer wieder die Zahlen Drei, Sieben oder Neun?
Was ist der Frauendreißiger?
Der Name klingt heute zunächst etwas rätselhaft. Mit „Frau“ ist Maria, „Unsere Liebe Frau“, gemeint.
Der Frauendreißiger beginnt am 15. August mit Mariä Himmelfahrt, früher auch als „Großer Frauentag“ bezeichnet. Ursprünglich spannte sich die besondere Marienzeit bis zum „Kleinen Frauentag“, Mariä Geburt am 8. September. Da dieser Zeitraum keine 30 Tage umfasst, wurden in der Überlieferung auch die Tage bis zum 15. September, dem Gedächtnis der Schmerzen Mariens, einbezogen.
In diese Wochen fallen gleich mehrere Marienfeste und Gedenktage: Mariä Himmelfahrt am 15. August, Maria Königin am 22. August, Mariä Geburt am 8. September, Mariä Namen am 12. September und das Gedächtnis der Schmerzen Mariens am 15. September.
So wurde aus diesen Wochen der Frauendreißiger.
Warum galten die Kräuter jetzt als besonders kraftvoll?
Im Volksglauben hieß es, Kräuter stünden während des Frauendreißigers in ihrer dreifachen Kraft.
Dahinter steckt neben religiöser Symbolik eine sehr handfeste Beobachtung der Natur: Mitte August befinden sich viele Pflanzen in einer wichtigen Phase ihres Jahreszyklus. Manche stehen noch in voller Blüte, andere bilden bereits Samen und Früchte aus.
Wer Heil- und Nutzpflanzen für den Winter sammeln, trocknen und aufbewahren wollte, musste seine Umgebung und den richtigen Erntezeitpunkt genau kennen.
Über Generationen verband sich dieses praktische Pflanzenwissen mit christlichen Festen und älteren regionalen Bräuchen. Der Frauendreißiger wurde zu einer Zeit des Sammelns, Trocknens und Bewahrens.
Mariä Himmelfahrt und die Kräutersegnung
Den Auftakt bildet die Kräutersegnung an Mariä Himmelfahrt.
Seit mehr als tausend Jahren werden zu diesem Fest Kräuter, Blumen und Getreide zu sogenannten Kräuterbuschen gebunden und zur Segnung in die Kirche gebracht.
Eine alte Legende erzählt von der Verbindung zwischen Maria und duftenden Pflanzen: Als die Apostel nach Marias Tod ihr Grab öffneten, fanden sie es leer. Statt ihres Leichnams sollen ihnen Rosen, Lilien und ein wunderbarer Duft entgegengekommen sein.
Bräuche rund um Heilpflanzen reichen allerdings noch weiter zurück. Schon in vorchristlicher Zeit spielten Kräuter bei Festen und Opferhandlungen eine Rolle. Mit der Christianisierung wurden ältere Traditionen teilweise neu gedeutet und mit der Marienverehrung verbunden.
So treffen bei der Kräutersegnung Naturbeobachtung, Pflanzenwissen, Volksglaube und christliche Tradition aufeinander.
Warum 7, 9 oder sogar 99 Kräuter?
Ein Kräuterbuschen war nicht einfach ein möglichst großer Strauß vom Wegesrand. Auch die Anzahl der Pflanzen konnte eine symbolische Bedeutung haben.
Welche Zahl verwendet wurde, unterschied sich von Region zu Region. Immer wieder begegnen uns jedoch sogenannte heilige Zahlen.
7 Kräuter stehen unter anderem für Vollendung und werden mit den sieben Schöpfungstagen verbunden.
9 Kräuter sind dreimal drei. Die Drei besitzt im Christentum mit der Dreifaltigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist eine zentrale Bedeutung.
12 Kräuter erinnern an die zwölf Apostel und die zwölf Stämme Israels.
14 Kräuter werden mit den vierzehn Nothelfern in Verbindung gebracht.
Daneben finden sich regional noch größere Kräuterbuschen bis hin zu 99 Pflanzen. Die 99 wird in manchen Überlieferungen als dreimal 33 gedeutet.
Damit begegnet uns die Drei immer wieder: in der christlichen Symbolik, ihren Vielfachen, im Namen Frauendreißiger und schließlich in der Überlieferung von der „dreifachen Kraft“ der Kräuter.
Eine geheime Kräutermathematik steckt dahinter natürlich nicht. Die Zahlen zeigen vielmehr, wie stark Symbolik und Pflanzenbrauchtum miteinander verbunden waren.
Welche Kräuter gehören in den Kräuterbuschen?
Eine allgemeingültige Rezeptur gibt es nicht. Verwendet wurde vor allem, was in der jeweiligen Region wuchs.
Besonders typisch ist die Königskerze, die mit ihrem hohen Blütenstand häufig die Mitte des Busches bildet.
Daneben finden sich traditionell beispielsweise Beifuß, Johanniskraut, Schafgarbe, Salbei, Kamille, Frauenmantel, Wermut, Thymian, Pfefferminze, Baldrian, Alant oder Ringelblume. Auch Getreideähren und Rosen werden eingebunden.
Viele dieser Pflanzen gehörten über Jahrhunderte zur europäischen Kräuterkunde. Einige spielten gleichzeitig eine wichtige Rolle beim Räuchern.
Allen voran der Beifuß.
Er zählt zu den ältesten heimischen Räucherpflanzen und wurde lange vor modernen Räucherstäbchen oder Duftprodukten verwendet. Auch Salbei, Wermut und Johanniskraut finden sich in unterschiedlichen regionalen Räuchertraditionen.
Was geschah mit den gesegneten Kräutern?
Nach der Segnung wurden die Kräuterbuschen mit nach Hause genommen und getrocknet. Häufig hingen sie im Haus, Stall oder Herrgottswinkel und wurden über das Jahr hinweg aufbewahrt.
Je nach Region rankten sich ganz unterschiedliche Bräuche um ihre Verwendung. Einzelne Kräuter wurden als Hausmittel genutzt, dem Viehfutter beigegeben oder sollten Haus und Hof schützen.
Und ein Teil wurde verräuchert.
Gesegnete Kräuter konnten dafür mit Weihrauch vermischt oder direkt ins Feuer gegeben werden. Besonders zu bestimmten Festen, bei Krankheit, Unwettern oder in den Rauhnächten finden sich Überlieferungen über solche Räucherungen.
Damit führt vom Kräuterbuschen eine direkte Verbindung zu einer heute ebenfalls beinahe vergessenen Tradition: der europäischen Räucherkultur.
Räuchern war nie nur Weihrauch
Wenn wir heute an Räuchern denken, denken viele zuerst an Weihrauch aus dem Oman oder an Räuchertraditionen aus anderen Teilen der Welt.
Dabei wurde auch direkt vor unserer Haustür seit Jahrhunderten mit Pflanzen gearbeitet.
Beifuß, Salbei, Wermut, Johanniskraut und andere heimische Kräuter wurden gesammelt, getrocknet und später verräuchert. Harze wie Weihrauch ergänzten diese Pflanzen und waren durch Handel und kirchliche Tradition ebenfalls fest in der europäischen Räucherkultur verankert.
Der Frauendreißiger zeigt deshalb besonders schön, wie eng das Räuchern ursprünglich mit dem Jahreslauf verbunden war.
Man verwendete, was die Natur zu einer bestimmten Zeit hervorbrachte. Man wusste, wann gesammelt wurde. Man trocknete die Pflanzen und bewahrte sie für jene Zeiten auf, in denen sie gebraucht wurden.
Altes Wissen, das plötzlich wieder erstaunlich aktuell wirkt
Natürlich müssen wir heute nicht glauben, dass ein Kraut ab dem 15. August plötzlich exakt dreimal so wirksam ist.
Aber hinter dem Frauendreißiger steckt etwas, das wir weitgehend verlernt haben: den richtigen Zeitpunkt einer Pflanze überhaupt wahrzunehmen.
Wann blüht sie? Wann wird sie gesammelt? Welcher Teil wird verwendet? Wie wird sie getrocknet? Und was haben Menschen vor uns mit ihr gemacht?
Der Frauendreißiger ist deshalb mehr als ein alter Brauch rund um Mariä Himmelfahrt. Er erzählt von einer Zeit, in der Pflanzenwissen, Jahreszeiten und Räucherkultur selbstverständlich miteinander verbunden waren.
Und vielleicht ist genau jetzt, zwischen Mitte August und Mitte September, ein guter Zeitpunkt, dieses Wissen wieder ein kleines Stück zu entdecken.

